Wir freuen uns den folgenden Artikel von einer echten Fachfrau für Chinchillas, Frau Dr. med. vet. Juliana Bartl, hier zum Nachlesen bieten zu können.
GEBÄRMUTTERENTZÜNDUNG BEI DER CHINCHILLA
von Dr. med. vet. Juliana Bartl
Chinchillas sind sehr soziale Tiere und sollten deshalb in Gruppen von 2-6 Tieren gehalten werden. Um Nachwuchs zu vermeiden, werden entweder rein weibliche Gruppen oder Gruppen mit kastrierten Böckchen zusammengestellt. Oftmals legen, insbesondere spät kastrierte Böckchen ihr Sexualverhalten nicht vollständig ab und „decken“ weiterhin die Weibchen. Nicht trächtige Chinchillas kommen von November bis Mai alle 30-50 Tage in Hitze. Die Brunst dauert 3-5 Tage ( Bignami und Beach, 1968). In rein weiblichen Gruppen werden die Tiere nicht gedeckt. Dieses häufige in „Hitze kommen“ ohne nachfolgende Trächtigkeit könnte ein Grund für Gebärmutterentzündungen sein. Ebenso ist es denkbar, dass bei Deckversuchen von Böckchen bakterielle Erreger in den Geschlechtsapparat der Weibchen eindringen können.
Chinchillas haben eine Gebärmutter mit zwei Hörnern und auch einem doppelten Muttermund. In der Brunst ist das Vaginalseptum, ein dünnes Häutchen,geöffnet (Schweigart,1995). Der Vaginalzapfen ist geschwollen und erscheint durch die Öffnung des Septums etwas angehoben. Manchmal kann man etwas leicht rötlichen Brunstschleim erkennen (Schweigart, 1995).
Symptome:
Chinchillas mit Gebärmutterentzündung werden in der Tierarztpraxis aufgrund von aggressivem Verhalten gegenüber anderen Tieren der Gruppe und/oder gegenüber dem Tierhalter, v.a. beim Handling vorgestellt. Urin bedingte Verfärbungen des Fells am Unterbauch deuten auf aggressives Verhalten hin. Chinchillas stellen sich auf und spritzen Urin ihrem „Gegner“ entgegen, wenn sie in die Enge getrieben werden. Oftmals fressen die Tiere auch schlechter, was in einer Einengung des Dickdarms durch die angeschwollene Gebärmutter begründet sein kann. Sowohl die Inappetenz, als auch das aggressive Verhalten können ein Ausdruck von Schmerz sein.
Bei genauerer Untersuchung stellt der Tierbesitzer einen milchig-weißen bis eitrigen Ausfluss aus der Vaginalöffnung fest. Dieser kann jedoch im Anfangsstadium der Erkrankung übersehen werden, da Chinchillas reinliche Tiere sind und eine Verschmutzung ihres Felles schnell wegschlecken. Es ist jedoch eine Öffnung des Vaginalseptums außerhalb der Brunstzeit zu sehen. Dazu bedarf es einiger Übung, aber beim Vergleich mit anderen weiblichen Chinchillas ist es jedem Chinchillabesitzer möglich.
Sollten solche Zeichen auftreten, suchen sie eine TierärztIn auf, die genauere Untersuchungen vornehmen kann. Bei der klinischen Untersuchung durch die TierärztIn fällt ein Druckschmerz im unteren Bauchbereich auf. Oft lässt sich auch eine strangartige Verdickung spüren. In fortgeschritteneren, infektiös bedingten Stadien sind die Chinchillas apathisch und haben erhöhte Körpertemperatur (nicht unbedingt). Wird eine Röntgenaufnahme angefertigt, erscheint die entzündete Gebärmutter als strangartige Verschattung im ventralen Abdomen. Der große Dickdarm der Chinchilla ist nach dorsal verdrängt.
Therapie:
Ist die Chinchilla bei gutem Allgemeinbefinden und frisst gut, frühes Krankheitsstadium, ist eine konservative Therapie mit zehntägiger Antibiotika- und Schmerzmittelgabe zu versuchen. Tritt jedoch dann keine Besserung ein und ist noch Ausfluss vorhanden rate ich zur chirurgischen Ovariohysterektomie unter Inhalationsnarkose. Eine intrakutane Hautnaht ist zu empfehlen, da sich Chinchillas gerne die Fäden selber entfernen. Außerdem ist zum Schutz der Wundnaht dem Tier ein selbst gebastelter Pullover (BILD folgt) überzuziehen. Diesen fertigt man gut aus einem Baumwollsöckchen für Menschen indem man diesen in der Ferse abschneidet und vier Löcher für die Arme und Beine ausschneidet. Diese Löcher sollten nicht einschneiden, dürfen aber auch nicht zu weit sein, sonst schaffen es geschickte Chinchillas den „Pullover“ auszuziehen. Halskrägen irritieren Chinchillas sehr, sodass es zu Verletzungen beim Springen und Fressunlust kommen kann.Postoperativ empfehle ich eine 7 Tage andauernde Antibiotika- und 5 Tage andauernde Schmerzmittelgabe.
Pathologie:
Die gesamte Uterusschleimhaut ist starködematisiert. Ein oder beide Gebärmutterhörner sind zudem mit serös - muköserFlüssigkeit oder sogar mit abszessartig abgekapselten Eiterherden gefüllt. Die Gebärmutter ist aufgrund der Ödematisierung und Füllung auf das drei- bis zehnfache vergrößert.
Schlussfolgerung:
Zu häufig werden Krankheiten im weiblichen Geschlechtsapparat der Chinchilla übersehen. Dies könnte zum einen an der Schwierigkeit liegen diese zu erkennen. Einerseits ist es für Chinchillahalter nicht einfach einzuschätzen, ob es sich bei agonistischem Verhalten in der Chinchillagruppe um ein Verhaltensproblem z.B. Uneinigkeit in der Gruppe oder um ein schmerzbedingtes Abwehrverhalten handelt. Andererseits fehlt es auch mancher TierärztIn an Erfahrung, besonders im Bereich Verhaltensprobleme bei Chinchillas. Viele Chinchillahalter haben auch Angst aufgrund möglicher Komplikationen während der Narkose oder der Wundheilung einen größeren operativen Eingriff bei Ihrem Tier vornehmen zu lassen.
Was genau die Ursache der Gebärmutterentzündung ist, ist bislang wissenschaftlich noch nicht geklärt. Ein Grund könnte das „unnatürliche“ Hormonverhalten der Chinchillas in der Heimtierhaltung sein. Chinchillas sind meiner Meinung nachnoch eher Wild- als Haustiere. Die Klima- und Lichtverhältnisse, durch die der Brunstzyklus von Chinchillas gesteuert wird, unterscheiden sichin der natürlichen Heimat der Chinchillas, den Anden von Chile, deutlich von den europäischen. Es wäre denkbar, dass es deshalb in der Heimtierhaltung zu Hormonschwankungen kommt, die eine Entzündung der Gebärmutterschleimhaut nach sich ziehen. Außerdem stammen die heutigen Heimtierchinchillas von Tieren aus der Pelztierzucht ab. Bei diesen Zuchtweibchen wurde besonders auf hohe Fruchtbarkeit Wert gelegt. Möglicherweise hat sich so eine Empfindlichkeit der weiblichen Geschlechtsorgane im Genpool manifestiert.
Literatur:
Bignami G, Beach F A (1968). Mating Behaviour in the Chinchilla. Anim Behav 16:45-53 Schweigart G (1995).Chinchilla Heimtier und Patient. Gustav Fischer Verlag, Jena, Stuttgart. ISBN 3-334-60957-X
Zur Autorin:
Dr. med. vet. Juliana Bartl ist Leiterin einer Kleintierpraxis bei München. Seit 17 Jahren arbeitet sie mit Chinchillas. Ihre Dissertation am Institut für Verhaltenskunde der Ludwig-Maximilians-Universität in München widmete sie der Erforschung der "Lautäußerungen der Chinchillas im Sozialverband". Ihre Studie ist weltweit die erste wissenschaftlich systematische Erfassung der Basislaute der Chinchilla (erschienen 2006). Seither hat Frau Dr. Bartl weitere Artikel zu Chinchillas für verschiedene Fachmagazine verfaßt. Darüber hinaus präsentierte sie Wissenswertes zu Chinchillas im Fernsehen (VOX). Auf Anfrage des GU-Verlages hat sie einen neuen Ratgeber zu "CHINCHILLAS" (2008) veröffentlicht.
Dieser Artikel erschien im Fachmagazin, RODENTIA. Der Abdruck erfolgt hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Diese Genehmigung gilt exklusiv für CI Chinchilla Information. Kopien, Download, Nachdruck ausserhalb dieser Website bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung.